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Future to go – Jobs to go?

Vor Jahren setzte in der digitalen- und Kommunikations-Branche ein Trend ein. Menschen lagerten ihr Hab und Gut in einen Container ein und machten sich mit Laptop und Smartphone bestückt auf Reisen. Sie arbeiteten von unterwegs über das Internet. Manche sind permanent, manche eine Zeit lang, um sich dann woanders niederzulassen.

Der Journalist, Publisher (UPLOAD Magazin) und Content Creator Jan Tißler ging diesen Weg. Sein Container steht (oder stand) in Hamburg. Ein neuartiges Lebensmodell, das besonders von dem Gedanken „to go“ beeinflusst wird. Nach einem zeitweiligen Aufenthalt in San Francisco (Kalifornien, USA) ist er jetzt in Santa Fe (New Mexico, USA) angekommen und offenbar wieder ein wenig sesshaft geworden. Wir wollten mehr über sein Arbeitsleben to go wissen und haben ihn gefragt.


Jan, Du hast als Journalist und Publisher vor einigen Jahren Deine Habe eingelagert und Dich auf den Weg gemacht – unter anderem in und durch die USA. Was war dafür ausschlaggebend?

Es war für mich zu dem Zeitpunkt relativ einfach möglich. Ich hatte einen Job als Redaktionsleiter, bei dem ich sowieso aus der Ferne gearbeitet habe. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen saßen bereits an vielen Orten auf der Welt. Mein Chef war nicht nur offen für die Idee, sondern sehr begeistert. Schließlich würde ich von Events und aus Orten berichten können, die für meine Arbeit sehr relevant waren.

Ursprünglich war das aber nur als kurzes Intermezzo gedacht. Ausgangspunkt war mein damaliger Plan, von Hannover aus entweder nach Hamburg oder nach Berlin umzuziehen und das mit meiner „Digital Nomad“-Idee zu kombinieren. Denn für den Umzug musste ich sowieso meine Sachen packen, warum sie dann nicht gleich für sechs Monate einlagern?

Aus den sechs Monaten wurden dann etwa anderthalb Jahre. Und letztlich bin ich in die USA ausgewandert. Hätte ich vorher gewusst, wie sich das alles entwickeln würde, hätte ich das sicherlich noch anders geplant und meinen Haushalt gleich aufgelöst…


Wie hat sich dadurch dein Blick auf die Arbeitswelt deiner Branche verändert? Bekommt Arbeit im persönlichen Leben dadurch eine andere Bedeutung?

Für mich hat sich vor allem verändert, dass Remote Work derzeit die einzige Option ist. Das ist natürlich eine Umstellung. Das Sicherheitsnetz einer Festanstellung gibt es für mich aktuell kaum. Das hat seine positiven Aspekte: Wenn es keinen Plan B gibt, konzentriert man sich voll auf Plan A.

Zugleich hat sich gewandelt, dass ich früher für Medien gearbeitet habe und heute überwiegend für Unternehmen. Das hat allerdings etwas mit generellen Entwicklungen zu tun, die ich sehr spannend finde. „Jedes Unternehmen ist heute auch ein Medienunternehmen“ ist eine Aussage, die mehr und mehr Firmen für sich entdecken.

Ich stelle allerdings zugleich fest, dass viele Unternehmen in Deutschland weiterhin nur Vollzeit-Jobs anbieten. Selbst Freelancer wie ich sollen am liebsten 40 Stunden die Woche vor Ort im Büro sitzen – für drei Monate, sechs Monate oder noch länger. Es erstaunt mich doch immer wieder, wie wenig flexibel Arbeitgeber dort sind. Aber offenbar bekommen sie weiterhin genug gute Bewerber trotz dieser Grundeinstellung.


Ist es auch seitens der Gesellschaft, der Arbeitsuchenden auch 2019 noch so herausragend erstrebenswert, eine Festanstellung mit festem Arbeitsplatz in Vollzeit zu bekommen?

Wie gerade beschrieben, sehe ich das zumindest bei Stellenausschreibungen weiterhin sehr häufig. Wie die Menschen das inzwischen empfinden, weiß ich allerdings nicht. Was man so liest, ist die jüngere Generation eher auf meiner Seite und sieht nicht ein, warum sie sich binden soll, wenn sie es an sich gar nicht muss. Es ist schließlich oftmals nur Bequemlichkeit der Arbeitgeber, wenn sie keine Remote-Option anbieten und sich gegen flexible Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung sträuben.

Soweit ich gelesen habe, strebt man in Deutschland aber weiterhin nach der Festanstellung. Das scheint dann sicherer und berechenbarer. Selbstständigkeit wird da eher als Notnagel angesehen. Ich persönlich glaube nur nicht, dass das stimmt.

Wenn ich selbstständig bin, muss ich natürlich eine ganze Menge mehr beachten und im Kopf behalten als ein Angestellter. Das ist richtig. Dafür lebe ich aber auch selbstbestimmter und kann festlegen, in welche Richtung es für mich gehen soll. Zugleich sind „feste Jobs“ eben nicht mehr so fest wie sie einst waren.


Oft kolportiert wird der Begriff „Digitalnomade“ oder „Digital-Nomad“. Was hältst Du von dem Begriff und was verbindest Du mit ihm? Ist ein Digitalnomade im Prinzip nichts anderes als ein Geselle auf der Walz?

Den Vergleich mit dem Gesellen auf der Walz finde ich super. Das ist eine Tradition, die ich schon immer faszinierend fand.

Den Begriff „Digitalnomade“ habe ich zwar für mich angenommen, aber immer nur mit Anführungszeichen. Denn ein bisschen seltsam ist er schon. Ich bin ortsunabhängig in dem Sinne, als ich meine Arbeit überall erledigen kann, sofern ich Strom und Internetzugang habe.

Anders gesagt: Meine Arbeit fesselt mich derzeit nicht an einen Ort. Das empfinde ich als große Freiheit, auch wenn ich inzwischen wieder sesshafter geworden bin und das sehr genieße.


Unser TEDxMÜnster-Motto 2019 heißt „Future to go?“ – in Anlehnung an Coffee to go und einer damit verbundenen Ambivalenz: Ist fortschrittlich, bringt aber auch Probleme mit sich. Der Kaffee ist zum Mitnehmen, produziert aber Müll. Wie wichtig schätzt Du Mobilität in Digitalen Berufen für deren Qualität und Entwicklung ein?

Ich würde „Mobilität“ hier nicht nur als Begriff verstehen, der eine physische Bewegung umfasst. Man kann ja auch geistig mobil sein – also offen für neue Eindrücke und Ideen. Offen sein für die Tatsache, dass man nie auslernt und dass man sein Leben lang dazulernen kann. Offen sein für die manchmal schwer zu akzeptierende Wahrheit, dass sich die eigenen Überzeugungen als falsch herausstellen können.

Das zeigt sich ja in modernen Arbeitsmodellen und Projektmanagement-Methoden. Das Stichwort „Agilität“ kann so manch einer nicht mehr hören. Dahinter stecken für mich aber einige sehr grundsätzliche Wahrheiten: Dinge entwickeln sich praktisch nie exakt so, wie man sich das vorgestellt hat. Und manchmal muss man einsehen, dass die Grundannahmen falsch waren, mit denen man in sein Vorhaben gestartet ist – und sich dann flugs umorientieren.

Ich habe gerne einen Plan. Ich weiß aber auch, dass der schnell über Bord geworfen werden muss (oder von selbst über Bord fliegt), wenn er mit der Wirklichkeit konfrontiert wird. Insofern habe ich eher ein Endergebnis vor Augen. Womit ich das erreiche und mit welchen Mitteln, lerne ich dann auf dem Weg dahin.



Was ist Dein persönliches Fazit aus dieser Zeit – was hat’s gebracht?

So unglaublich viel, dass ich das hier unmöglich erklären und auflisten kann. An dieser Stelle möchte ich nur sagen, dass ich sehr dankbar dafür bin, diese Möglichkeiten zu haben. Ich hoffe, dass andere sich auch trauen, ihr „eigenes Ding“ zu machen.

Vielen Dank, Jan!

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