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'Future to Go?' - Zukunft von oben

Bei der Frage nach „Future To Go?“ kann auch die jeweilige Standpunkt interessante Perspektiven eröffnen. Für TEDxMünster durften wir die Türmerin der Kirche St. Lamberti, Martje Salje, hoch oben über der Stadt Münster besuchen. Sie ist jetzt seit fünf Jahren im Dienst und obwohl es noch viele Türmer in Europa gibt, ist ihr Job einmalig. Und das hat auch mit ihrer Perspektive auf die Welt unter ihr zu tun.


Martje, viele Münsteraner wissen, dass du zwischen 21.00 und 00.00 Uhr mit deinen Hornsignalen vom Turm die Zeit angibst. Ist das dein Haupt-Job?

Das ist natürlich nur ein Teil davon. Ich puste ja auch nicht einfach nur ins Horn, sondern gebe auch die Uhrzeit an! Da gibt es ganz klare Vorschriften mit tiefer Bedeutung. So blase ich um 21.00 Uhr jeweils in alle vier Himmelsrichtungen drei Mal dreifach ins Horn: 3x3=9. Drei steht hier für die Dreifaltigkeit, den Vater, den Sohn, den Heiligen Geist.

Um 22.00 Uhr sieht das schon anders aus. Da muss ich 10 Hornsignale abgeben. Das sind dann 2x3 plus 1x4. So hat man wieder die Dreifaltigkeit und 4 steht für den vierten hebräischen Buchstaben „Daleth“. Geschrieben sieht er ein bisschen so aus wie ein geöffnetes Zelt – man sieht zum Himmel, das Tor zum Himmel. Aber bitte, das ist Mystizismus. Und darüber lassen sich bis in alle Ewigkeiten Bücher schreiben.



Du sagtest im Vorgespräch, dein Job sei in Europa einzigartig?

Es gibt noch sehr viele andere Türmer in Europa und in den meisten Dingen ähneln sich die Aufgaben. Dazu zählt Gäste herumzuführen, die Tradition zu pflegen, darüber zu sprechen etc. Einige Türmer sind bei der Kirche angestellt, wie etwa der Kollege in Hamburg. Der spielt dann z. B. auch Choräle. Aber die Kernfunktion war früher bei allen: Ausschau nach Bränden und Feinden halten! Übrigens, der Türmer-Job hier in Münster in St. Lamberti ist in Europa der einzige, der auch die Warnung vor Feuer noch ganz offiziell in seinem Aufgabenprofil stehen hat!

Feuer war auch der Anlass, diesen Posten überhaupt einzurichten. 1382 wütete in Münster die Pest und 1383 ein großer Brand. In diesem Kontext gibt es ein historisches Dokument, in dem Türmer auf St. Lambert erstmals erwähnt wurden und die Brandglocke in Gang gesetzt haben.

Ebenfalls einzigartig in Europa ist, dass der Türmer in Münster ein Angestellter des Öffentlichen Dienstes ist. Mein Arbeitgeber ist das Amt „Münster Marketing“ und das passt auch gut zusammen. Denn ich bekomme Medienanfragen – sogar schon aus Pennsylvania (USA), Aserbaidschan, Japan… das sind natürlich auch Dinge, die einem im Gedächtnis bleiben. Aber ich bloggeund poste auch viel in Social Mediaals Türmerin und mache entsprechend Öffentlichkeitsarbeit und Stadtmarketing.


Hast du denn schon mal Feueralarm gegeben? Kommt es bei all den Brandschutzeinrichtungen überhaupt noch vor, dass Du Feuer zuerst von hier oben aus siehst?

Absolut – trotz Brandmeldern, trotz digitalem Zeitalter! Vor zwei Jahren hat es z. B. eine große Meldung darüber gegeben. In einem Waldgebiet nach Westen raus bemerkte ich ein ganz schmale, kaum zu erkennende Rauchsäule und ich wusste nur: Die gehört da nicht hin! Es war mitten im Sommer. Und in der Gegend war keine Fabrik, kein Haus, nichts, was alltäglich raucht.

Also bei der Feuerwehr angerufen und die fuhren auch sofort los. Allerdings war es vor Ort schwer zugängliches Gelände. Die mussten zu Fuß weiter und ich habe sie von hier oben aus gewissermaßen zu der Stelle hin dirigiert. Es stellte sich raus, da wollte jemand Gartenabfälle im Unterholz verbrennen, hat es in Brand gesetzt und ist dann abgehauen. Es war Hochsommer, knochentrocken, da hätte richtig was losgehen können.



Nun hast du mit deiner Sicht von der Kirchturmspitze im doppelten Sinne einen besonderen, einzigartigen Blick auf die „Welt da draußen“. Der aus deinem Beruf heraus und vom Ort an sich. Wie nimmst du solche großen, vergleichbaren Veränderungen, die sich über längere Zeiträume erstrecken, von hier oben wahr?

Ich bin ja tatsächlich jeden Tag hier oben außer dienstags. Ich sehe kleine wie große Veränderungen. Den Wechselt der Jahreszeiten oder bauliche Veränderungen von Sprengung bis Neubau. Und ich mache mir bewusst, welchen Wandel auch meine Vorgänger von hier oben miterlebt haben.

Beispiel: Straßenführung. Pflege der Tradition bedeutet ja auch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte. Ich weiß, welche Straßen hier schon im Mittelalter waren und welche sich verändert haben und welche im Laufe der Jahrhunderte neu hinzukamen.

Daraus wird ein nicht endendes schönes Wechselspiel. Manche Sachen verändern sich wie Häuser und Gebäude, andere nicht – eben wie die Straßenführung. Die ist in Münster im Kern seit dem Mittelalter unverändert.

Ich liebe das! Ich bin zwar erst seit fünf Jahren hier aber ich schlage gerade sowas von Wurzeln. Ich möchte diesen Job so lange wie möglich machen.

Besonders schön ist, dass ich auch in meinen pädagogischen Ansprüchen unterstützt werde. Ich habe dahingehend sehr viele Freiheiten, poste, antworte, gehe auf Veranstaltungen, kann über die Arbeit aber auch über Geschichte informieren. Und damit kann ich wiederum auch einen neuen Personenkreis erschließen, der sich für Münster interessiert.


Der Astronaut Alexander Gerst hat in einem Vortrag mal sinngemäß gesagt: Wenn man von oben auf die Dinge herabschaue, würden sich viel in einem selbst verändern. Man bekäme ganz neue Blickwinkel. Muss man dafür erst ins All oder geht das auch schon vom Kirchturm aus?

Ja. Auch wenn der Aufstieg hier auch recht beschwerlich ist.(lacht)Je weiter ich nach oben komme, desto leichter fühle ich mich. Und wenn man von oben auf die Stadt herabschaut, dann sieht das für mich wie eine Festplatte aus. Eine Festplatte, die ich dann defragmentiere. Und so werden meine Sorgen immer kleiner und kleiner. Dieses Gefühl versuche ich anschließend auf dem Weg nach unten, mit in meinen Alltag zu nehmen. Das möchte ich auch anderen vermitteln – auch als eine Art meditativer Übung. Sich vorstellen, wie man nach oben geht, seinen Blick und sein Herz öffnet.

Im Vergleich zu ihrer Bedeutung waren die Türmer aber sozial ziemlich schlecht gestellt, oder?

Ja, das ist wahr. Früher waren Türmer Menschen, die außerhalb der göttlichen Stände geboren worden sind. Solche Menschen hatten keine Chance auf eine richtige Ausbildung, auf einen richtigen Beruf. Die gingen entweder in andere Städte oder machten niedere Arbeiten (z. B. Türmer) oder gingen ins Kloster. Türmer war deswegen eine niedere Arbeit, weil sie auch mit dem Tod zu tun hatte. Sie haben z. B. bei Hinrichtungen die Totenglocke geläutet. Und nach Hinrichtungen hat der Türmer dann auch sauber gemacht. Das war den Leuten unheimlich. Damit wollten sie nichts zu tun haben.

Paradoxerweise wurde aber auch immer großes Vertrauen in die Türmer gesetzt. Sie warnten ja nicht nur vor Feuer, sondern auch vor Feinden und überhaupt allem Ungemach, das man von oben aus besser/schneller sehen kann.

Hören dich die Leute in der Stadt eigentlich – nehmen die dich hier oben bewusst wahr?

Oh ja. Das habe ich ganz besonders gemerkt, als ich einmal einen Fehler gemacht habe. (Wir lachen – so typisch deutsch.) An einem Abend war ein berühmter Gast hier oben, der über mich schreiben wollte und mich dauernd Sachen fragte. Der stand direkt neben mir, als ich um 21. 00 Uhr neun Mal das Signal gab. Und der hat mich so nervös gemacht, dass ich plötzlich nicht mehr genau wusste, waren das jetzt 9 Töne oder nicht! Na ja, und dann habe ich zur Sicherheit nochmal einen hinterher geschickt. Und DAS war einer zu viel!

Und am nächsten Tag standen im Stadthaus die Telefone nicht still! „Was ist denn hier los!?“, „Wir wohnen hier direkt!“, „Kann die nicht zählen!?“, „Die taugt nichts!“, „Schande!“… ein gar großes Wehklagen legte sich über die Stadt!


Leider gibt es keine öffentlichen Führungen hier oben – was mir allerdings angesichts der Enge und der möglichen Gefahren mehr als selbstverständlich erscheint. Nun kann man aber durch dich und durch dein Bloggen dennoch viel von deiner Arbeit und deiner Perspektive mitbekommen. Aber wenn man einmal hier oben stehen darf, frage ich mich: Kann man die Perspektive von hier – über das rein Visuelle hinaus – überhaupt adäquat vermitteln?

Ich versuche es. Der Anspruch ist da. Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass man manche Dinge weniger mit den Augen als mit dem Herzen sieht. Die Grenzen sind mir wohl bewusst. Manchmal sehe ich einen Regenbogen oder ein Feuerwerk und Leute schreiben mir auf Facebook „Mensch, poste doch mal das Feuerwerk von da oben!“ Ein Bild käme bei solchen Dingen aber nicht dem gleich, was ich sehe. Das wäre nicht authentisch. Ich schreibe dann manchmal lieber darüber. Auch mal ohne Bild. Und ab und zu möchte ich das Internet auch gar nicht dabei haben und nicht verbunden sein.

Vielen Dank für das Interview, Martje, und das Erlebnis hier oben!


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